Karsten Neumann

lichtenberg. ein bezirk in berlin. wenn alles rot ist, sieht man nicht mehr, dass es rot ist. ich habe lichtenberg erst begriffen, als ich nach friedrichshain gelaufen bin. also deswegen habe ich dann auch das neongelbe pappschild „achtung sie verlassen jetzt den sektor lichtenberg, an der grenze zu friedrichshain. angebracht.

wir sind alter krankheit und tod unterworfen. also alles ist vergänglich. in die lücken am aufseherhäuschen am s-bahnsteig haltestelle nöldnerplatz sind lücken im klinker. dort bringe ich zwei gefundene, kaputte fahrradreflektoren an. sieht schick aus, wenn der fotoaparat blitzt.

und überhaupt, wenn man des eigenen todes gedenkt kommen einem die komischsten gedanken.  als in der spelunke am eck gesoffen wird sammle ich also den müll von der öffentlichen wiese. was soll man sich immer beschweren, vorbild sein dachte ich mir, das ist es.

ich besprühe alte berlinpostkarten mit leuchtfarbe und verschenke sie indem ich sie in einkaufswagen im viertel deponiere.

nachts sind die, die vitkoriastadt umgebenden, hochhausviertel an der ehm. stalinallee wunderbar zum spazierengehen. die lichter in den fenstern haben unterschiedlichste farbtemperatur, dort sind die parkplätze für die autos neu gepflastert, die gehwege zwischen den parkplätzen sind kaputt. atmosphärische fotos. ich schiesse atmosphärische allerweltsnachtaufnahmen der hochhäuser.

apropo ehm. stalinallee, jetzt frankfurter allee. wie  es um die einheit steht, kann man schoen an den antiquariaten ablesen. die bücher, die man in einem antiquariat am nollendorfplatz (west) bekommt sind äusserst verschieden von denen, die man in einem antiquariat in der frankfurter allee (ost) bekommt. da liegen welten dazwischen.

im haus ist es still. nachts bin ich dort ganz allein. das stadtmuseum ist geschlossen. ich geniesse die stille. unten im museum ist die abgehängte gedenktafel zu den ermordeten tuchollas, nach denen auch der platz vor der haustür benannt ist, zu sehen. der (west-)besitzer will sie an sein, im zuckerpuppenstil, frisch renovierten haus nicht mehr anbringen. das passe ästhetisch nicht mehr. lajos nagy schrieb zu seinen aufenthalten im luftschutzbunker im zweiten weltkrieg in budapest ein tagebuch. ihn lese ich, während ich zur abgehängten gedenktafel ich die performance „heavy metal“ durchführe und dabei eine fotomontage verteile, die zeigt, wie die tafel an dem haus angebracht werden könnte. ein haus an dem immerhin schilder hängen wie „fahrräder anlehnen verboten“ und „unbefugten zutritt verboten“.

nach vierzehn tagen verlasse ich lichtenberg zu fuss und laufe mit meinem gepäck zur s-bahnhaltestelle ostbahnhof in friedrichshain. unterwegs gebe ich ein paket auf und mach ein letztes foto vom schild „achtung sie verlassen jetzt den sektor lichtenberg“. es regnet.

März, 2012

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