Antonia Low

Irgendwann später fasste ich den Entschluss, die lose Erinnerung an eine Handlung zu Papier zu bringen und das beschriebene Blatt weit oben, über der Stadt, auszusetzen.

Das graue Gewölbe

Auf der Straße suchte ich nach dem Stadtplan. Er verbarg sich tief unten in der Tasche. Ich entfaltete ihn, blickte auf das abstrakte Geflecht aus Linien und kam zu keinem Entschluss, wohin zu fahren sei – ich war ja grundlos hier. Der Himmel war grau, die Straßen leer.

Auf einem abgelegenen Gelände bei einem Kohlekraftwerk entdeckte ich einen einzelnen, riesigen Hochspannungsmast – von ihm aus verteilte sich die Elektrizität in die Region. Kräftige Kabel drangen aus dem Boden hervor und ragten in die Höhe zum Mast. Dort oben, über meinem Kopf, wurden sie über grünlich schimmernde Porzellanscheiben umgelenkt und setzten zu ihrem luftigen Gang in die Ferne an.
Unweit des Mastes auf einer Brücke traf ich Ella. Wir blickten hinab auf einen Kanal. Im ruhigen Wasser lag ein langer Kahn, aus dessen Bauch ein gewaltiger Bagger schaufelweise Kohle hub und über einem Trichter entlud. Kleinere Portionen Kohle rieselten aus dem Trichter auf ein Förderband und wurden auf diesem entlang des Kanals in Richtung Kraftwerk gelenkt. Die Sonne schien. Wann immer die Baggerschaufel Kohle entlud, stob Kohlenstaub auf. Die schwarze Staubwolke ließ mich irgendwie an Diamanten denken, die durch den Druck im tiefen Gestein aus solchem Kohlenstaub zum ungetrübten Edelstein geformt werden. Diamanten erzeugen in mir auf seltsame Weise immer ein Verlangen. “Ein Diamant ist so viel mehr als das Resultat von Handlungen“, kommentierte ich die Szene. „Könnte ich jemals etwas dergleichen schaffen – etwas so Kostbares, das die Nachwelt überdauert?“ Ella hatte die Idee, einen Schokoladenriegel in den Kahn zu werfen – scheinbar war sie in eigene Gedanken vertieft.

Wir gelangten an eine Trabrennbahn und wagten ein kurzes Wettrennen, unsere Kraft versickerte alsbald im Sand der Rennstrecke. Wir waren müde geworden und setzten uns zu fremden Männern in das Café unter der Tribüne. Mehrere Bildschirme übertrugen gleichzeitig unzählige Pferderennen aus aller Welt. Die Stehtische der Männer waren überhäuft von Tabellen, Diagrammen, eigenen Notizen auf Papier. „Zu gerne würde ich meine Gedanken sich in Gänze entwickeln lassen, geborgen in der Tiefe des eigenen Ateliers“, fuhr ich fort. „Notizen aufsetzen, Studien durchführen, an einer Konzeption feilen. Stattdessen stehe ich hier in einem fremden Stadtteil und schaue Personen teilnahmslos zu.“ Der Rest des Gedankens verflüchtigte sich zusehends im stillen Treiben. „Es gibt nichtsdestotrotz den abstrakten Gedanken, der – einmal aufgenommen – sich im Kopf des Betrachters verselbständigt“, bemerkte Ella nebenbei. Nach einiger Zeit verabschiedete sie sich. Unsere Begegnung war eigentlich ein erhellender Augenblick gewesen. Gesten und Gedanken schienen aufeinander zu reagieren. Für einen Moment vermochte sich eine Erzählstruktur von unserer Begegnung geradlinig auszurichten. Ich hätte die Erzählung simultan aufschreiben sollen.

Irgendwann später fasste ich den Entschluss, die lose Erinnerung an eine Handlung zu Papier zu bringen und das beschriebene Blatt weit oben, über der Stadt, auszusetzen.
Ich fuhr zurück zu meinem Ausgangspunkt entlang der breiten Straße, an denen Hochhausblöcke im strengen Raster ausgerichtet sind. Die grauen Betonwände ragten in den Himmel empor, ihre Absolutheit erschien mir wie eine geeignete Wegmarkierung. So fuhr ich in weitem Bogen um die rechtwinkligen Bauten, mal links, mal rechts, irgendwo stellte ich dann mein Fahrrad ab, ging in ein Hochhaus hinein und stahl mich an der Concierge vorbei zum Aufzug. Im obersten Stockwerk angekommen, fand ich – zu meiner eigenen Verwunderung – die Tür zum Dachboden unverschlossen. Vorsichtig trat ich ein, tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter und es erhellte sich ein verwinkelter Gang. Leise setzte ich einen Schritt vor den anderen, das Knarren des Holzsteges unter meinen Sohlen wurde sogleich vom Raum verschluckt. Es war so still. Nichts regte sich trotz der windigen Höhe. Die kühle Luft war in Dämmstoff gewickelt. Der Boden neben dem Steg war weich und mit Schutzfolie verlegt, die Decke niedrig. Je tiefer ich in den Raum eindrang, vorbei an Lüftungsschächten, Steinwolle und Kabeln, desto mehr hatte ich den Eindruck, auf einen verborgenen und vergessenen Ausstellungsraum gestoßen zu sein: ein durch eine Balustrade gesäumter Gang, Wandzeichnungen und Farbstudien im Lampenschein. Weiter hinten hingen zu meiner Überraschung Plakate von Landschaften und Tieren an farbig gestrichenen Wänden. Ich kam durch Räume, in denen die bebilderten Papiere abgerissen waren und kleine Türen auf Kniehöhe sperrangelweit aufstanden. Sogar die Kabel und Rohrleitungen wirkten skulptural und wie für mich als Betrachter inszeniert. Ich staunte. Sonnenlicht fiel durch offene, doch vergitterte Fenster auf das graue Gewölbe, eine verborgene Schatzkammer.
Ich trat ans Gitter, beugte mich, um hinaus zu schauen. Unter mir lag Berlin, bis zum Horizont und zu allen Seiten erstreckt. Ich war umgeben von Stille und doch mitten in der Stadt. Der Wind in den Baumkronen, die Wolken auf Augenhöhe.

Es kam mir ein Gedanke. Ich faltete das beschriebene Blatt zu einem Papierflieger, steckte diesen an das Fenstergitter. Dort liegt er nun geschützt und flattert still mit dem Wind.

Antonia Low,
Lichtenberg 20.09.2012

 

Januar, 2013

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