Simon Freund

„Aber all diese Fotos, die ich gemacht habe und die irgendwelche Sachen in mir angestoßen haben, also all die Dinge, die ich gesehen habe und die dafür gesorgt haben, dass mein Denken jetzt, heute so ist. Das ist das, was ich gerne als Arbeit veröffentlichen möchte, weil das ein Stück weit dazu beigetragen hat, dass ich jetzt hier mit diesen Gedanken weggehe.

Was passiert, wenn ich diese Erinnerungsstücke von meinem Handy lösche – jedes Bild, was ich in Lichtenberg gemacht habe, mit der Hoffnung, dass das das tolle Kunstwerk werden oder anstoßen kann? Ich habe keine digitale Erinnerung mehr und diese Bilder existieren dann nur noch analog in gedruckter Form.

Das ist eine Ebene, die dabei eine wichtige Rolle für mich spielt, wann immer ich Fotos mit meinem Handy mache. Wenn mein Kumpel Kevin dabei ist, dann sagt er immer Datenmüll. Und ich finde, der hat komplett recht. Das nimmt alles extrem viel Speicherplatz und Speicherplatz heißt Energie und ich verschwende damit viel Energie. Meinen Konsum habe ich schon sehr zurückgefahren, vielleicht schaffe ich es ja auch, mich digital ein Stück weit zurückzunehmen, indem ich zunächst mal die Lichtenberg-Erfahrungen digital lösche und ins Analoge übertrage.“ (Simon Freund, März 2022)

Simon Freund, 1990 in Königstein im Taunus geboren, ist ein deutscher Konzeptkünstler. Im Laufe der Jahre hat er ein Portfolio geschaffen, das von Installationen, Skulpturen, Fotografie, Video, Objekten bis zur Internetkunst alles umfasst. Der Ausdruck und das Medium seiner Arbeit ändern sich mit der Botschaft, aber seine Intention bleibt dieselbe: hinterfragen, herausfordern, kritisieren, anregen und provozieren.

Freund setzt sich in seinem Werk intensiv und umfassend mit den kulturellen Narrativen der heutigen Konsumgesellschaft auseinander. Beeinflusst von seiner Erfahrung als Modedesigner kritisiert er den Status quo unserer Konsumkultur auf subtile, aber nachdenklich stimmende Weise. Ästhetisch fügt sich seine Arbeit in die kulturellen Codes ein, die eine konsumorientierte Gesellschaft definieren, und wirft gleichzeitig einige der wichtigsten Fragen der heutigen Zeit auf.

Das Medium seiner Wahl war von Anfang an das Internet, das es ihm ermöglicht, seine Arbeiten direkt mit der Welt zu teilen. Freunds Arbeit ist kostenlos und für alle zugänglich, die einen Internetzugang haben. Indem er sich öffentlich exponiert (countless.info), indem er sein Leben zur Schau stellt (fiverooms.cam), indem er der Welt vollen Zugang zu seinem eigenen gewährt (allipossess.com), hinterfragt Freund unser Verlangen nach Selbstdarstellung, unsere Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Frage von echt und unecht, Formen radikaler Transparenz im digitalen Zeitalter und deren Einfluss auf die Wahrnehmung anderer.

Mai, 2022

Shruti Chamaria, Lecture

Shruti Chamaria, Teilnehmerin des Austauschprogramms „BangaloREsidency-Expanded“ des Goethe Instituts, ist im Mai zu Gast in den Lichtenberg Studios und hält am 5. Mai 2022 um 19 Uhr eine Lecture in englischer Sprache zu ihrer künstlerischen Arbeit.

Bitte zur Teilnahme an der Veranstaltung einen aktuellen Covid-Test vorweisen.

Shruti Chamaria beschäftigt sich überwiegend mit Fotografie und Buchgestaltung. In der Serie „How to Sit for the Camera“ hat Shruti Chamaria zum Beispiel einige der ungewöhnlichsten und charakteristischsten Fotostudios in Mumbai und Bangalore dokumentiert und diese Studios als soziale Räume dargestellt, die individuelle und kollektive Fantasien in Szene setzen. Sie bieten einen faszinierenden
Einblick in individuelle Fantasien und populäre Vorlieben, und beleuchten die jüngsten sozialen, technologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen in der indischen Metropole.

Während der Zeit in den Lichtenberg Studios möchte Shruti Chamaria diese Arbeit auf die Fotoautomaten in Berlin als Orte der alltäglichen Begegnung zwischen Menschen, Fotografie, Realität und Imagination ausweiten. Was ist das kulturell Besondere an diesen Strukturen in Berlin und wie lassen sie sich mit bestimmten Arten der in Indien verbreiteten Studiofotografie vergleichen, vor allem in Bezug auf die Art und Weise, wie die Kunden mit diesem Rahmen umgehen? Inwiefern sind diese Räume ein Spiegelbild des städtischen Sozialgefüges? Kann Studiofotografie im Zeitalter der Globalisierung, der Massenmigration und des billigen Reisens eine Transzendenz von Zeit und Raum ermöglichen? Dies sind die Fragen, die Shruti Chamaria beantworten möchte.

Mai, 2022