Véra (&) Léon

Im Austausch mit DIEresidenz (Drôme, Frankreich) arbeitet das Duo véra (&) léon im Sommer 2022 für drei Wochen in den Lichtenberg Studios. Ihr ursprüngliches Projekt bestand darin, queere Menschen in Lichtenberg zu porträtieren. Ein schwierigeres Ziel als erwartet… was das Duo in ein poetisches Tagebuch über Queerness, den künstlerischen Prozess und gesellschaftliche Repräsentationen umwandelt.

Der Text JOURNAL OF AN IMPOSSIBLE INQUIRY entstand als Echo einer visuellen Erzählung, die die sich ständig verändernde Urbanität von Berlin hinterfragt. Die als Hintergrund verwendeten Fotografien aus dem Lichtenberg-Archiv (dem Archive des Lichtenberg-Museums) bilden eine Parallelwelt zu den mentalen Bildern, die das poetische Tagebuch hervorruft – Vergangenheit und Gegenwart, aber auch die sensiblen und politischen Erfahrungen der Stadt werden in Beziehung gesetzt. Besser: Ein Oszillieren zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aber auch zwischen den sensiblen und politischen Erfahrungen der Stadt.

Die 16 fotografischen Porträts, die eng mit dem poetischen Tagebuchs verwoben sind, beschäftigen sich ebenfalls mit der intimen Beziehung zwischen dem queeren Körper und seiner Umgebung. Diese mit ihren Modellen koproduzierten Bilder hinterfragen die Widersprüche unserer Vorstellungswelt: Natur und Stadtleben, Neugier und Voyeurismus, Andersartigkeit und Identität.

Oktober, 2022

Caro Krebietke

Schon vor der Ankunft in den Lichtenberg-Studios sehe ich am Straßenrand ein blaues Banner:

„Miete deine Robbe!“ – Werbung für einen stadtbekannten Autoverleih.

Am Tag darauf besuche ich die Lichtenberger Eisbären im Tierpark. Tonja und ihre vierjährige Tochter Hertha.

„The Seal’s Dread – Horror der Robben,“ nannten Seefahrer in früheren Zeiten die Eisbären.

Als das Packeis noch bis zum Horizont reichte.

Hertha spielt im trüben Wasser mit einer dicken Walze aus Hartschaum. Immer wieder dreht sie ihr Spielzeug, beißt kleine Teile davon ab, taucht drunter durch. Tonja sitzt auf einem künstlichen Felsen am Ufer und beobachtet ihre Tochter.

Eine weiße Plastikeisscholle schaukelt träge im Bassin, algenbewachsen, ein Stückchen Fake-Arktis für die Parkbesucher.

Eisbären sind Fleischfresser, Robbenfresser, zur Not nehmen sie auch Fisch oder alles mögliche, wie Beeren, Honig oder den Inhalt von Mülltonnen.

Eine Robbe mieten – schon ab 3,50 die Stunde, und ringsum der tosende Verkehr, Siegfriedstraße Ecke Herzbergstraße.

Hier haben Robben vier Räder und schön viel Ladefläche.

Lichtenberg, das Robbenparadies, wo das Raubtier eine Kunststoffwalze dreht und in der Sommersonne schwitzt.

August, 2022