Die Lichtenberg Studios sind vorbei

Abschiedsstatement Lichtenberg Studios 2011–2025

Nach 237 Resident:innen, neun Workshops mit Universitäten, einer Heftreihe mit 83 Titeln sowie 19 Quartalsbroschüren seit 2020 endet im September 2025 das Projekt Lichtenberg Studios. 15 Jahre sind für ein Residenzprogramm eine ungewöhnlich lange Zeit. Dass es uns gelang, über so viele Jahre künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum Lichtenbergs zu realisieren, verstehen wir selbst als bemerkenswerte Leistung. Intervention Berlin e.V. als Träger und ich, Uwe Jonas, als Leiter des Programms, blicken dankbar auf eine Phase zurück, die vielen Künstler:innen aus aller Welt eine produktive und inspirierende Zeit ermöglicht hat.

Die Stärke der Lichtenberg Studios lag darin, dass Künstler:innen in ungezwungener Form neue Sichtweisen auf einen Bezirk eröffneten, der sonst eher selten im Fokus der Kunstwelt steht. Zahlreiche Kooperationen führten nicht nur internationale Gäste nach Berlin, sondern ermöglichten auch Berliner Künstler:innen Aufenthalte in Zusammenarbeit und Kooperation mit dem Goethe Institut in Bangalore, der Kulturverwaltung in Gibraltar, und lokalen Akteurinnen in Die oder zuletzt in Sineu. Ebenso wertvoll waren die Lectures, Ausstellungen, Publikationen und unzähligen Begegnungen – vom Vortrag bis zur Dinnerparty. Dort wurde nicht nur Kunst gezeigt, sondern auch Gemeinschaft gelebt und über Inhalte diskutiert.

Nun ist es tatsächlich vorbei, was natürlich schmerzlich ist und einen großen Verlust bedeutet. Aber alles ist endlich, und wie schon geschrieben, ist es fast ein Wunder, so lange durchgehalten zu haben. Residenzprojekte sind immer schwierig zu vermitteln und zu kommunizieren, da sie zum großen Teil „verdeckt“ ablaufen. Die Resident:innen wohnen und arbeiten in den bereitgestellten Räumen und treten nur gelegentlich in die Öffentlichkeit, etwa bei einer Lecture oder einer Ausstellung. Bei den Lichtenberg Studios kam noch hinzu, dass der Fokus auf künstlerische Interventionen in der Öffentlichkeit Lichtenbergs gelegt wurde. Das ist wiederum eine „versteckte“ Kunstform, die von der Abwesenheit der Autor:innen lebt, die ihre Werke in der Öffentlichkeit zurücklassen.

Trotz dieser Aktivitäten, mit denen das Manko der „Unauffälligkeit“ auch für den Geldgeber, den Bezirk Lichtenberg, erträglicher gemacht werden sollte, wurde die Kritik immer lauter. Dies führte im Jahr 2020 zum ersten Versuch, das Projekt Lichtenberg Studios zu beenden. Nur dank einer starken Kampagne und der Unterstützung vieler Beteiligter, einschließlich des damaligen Bürgermeisters, konnte ein abruptes Ende verhindert werden. Doch der Preis war hoch: Das Vertrauen zwischen Verein und Fachbereich blieb dauerhaft beschädigt. Statt kontinuierlicher Zusammenarbeit folgten kurze Vertragslaufzeiten, kompliziertere Antragsverfahren und immer wieder dieselben Kritikpunkte, zusammengefasst in der Formel: „Das bekommt keiner mit.“ Positive Rückmeldungen blieben aus. Die Atmosphäre wurde zunehmend belastend, die Resilienz des Vereins erschöpft.

Nun hat der Fachbereich entschieden, die Räume, die wir seit 2011 bespielten, zu renovieren. Uns wurde mitgeteilt, sie bis zum 8. September 2025 geräumt zu übergeben. Was danach dort geschieht, wurde uns nicht mitgeteilt. Für uns ist dies der Schlusspunkt. Wir beenden die Lichtenberg Studios nicht im Streit, sondern mit Klarheit und kampflos. Wir wissen, dass wir über 15 Jahre etwas geschaffen haben, das in Erinnerung bleibt – auch wenn es nicht in der Logik von Verwaltungsakten aufscheint.

Unser Fazit ist daher doppelt: Stolz auf das, was gelungen ist, und Ernüchterung darüber, dass dieses Gelingen nicht als Stärke erkannt wurde. Wir nehmen Abschied mit Dankbarkeit gegenüber allen, die uns begleitet haben: den Künstler:innen, den Kooperationspartner:innen, den Freund:innen, den Unterstützer:innen und den vielen Menschen, die wir in Lichtenberg und weit darüber hinaus kennenlernen durften.

Die Lichtenberg Studios schließen ihre Türen. Doch die Erfahrungen, Begegnungen und künstlerischen Spuren bleiben. Wir verabschieden uns ohne Bitterkeit, aber auch ohne Illusionen – und mit dem Bewusstsein, dass wir eine Form von Kunst und Austausch gelebt haben, die einzigartig war und die so nicht wiederkommt.

Uwe Jonas, 8. September 2025

Oktober, 2025

Peter Kees

Auf einem ersten Spaziergang entlang der Rummelsburger Bucht fielen mir zwei scheinbar verwaiste Einkaufswägen auf, gefüllt mit Plastiktüten, Kleidungsstücken und Schuhen. Sie wirkten wie soziale Ausrufezeichen neben den schmucken Neubauten, Townhouses, den Wohnstätten für Vermögende am Ufer der Spreebucht. Ich fotografierte die Fundstücke und erstellte mit einem der Bilder eine Vermissten-Anzeige, die ich mehrfach kopierte und eben dort an Laternenmasten und Hauseingängen aushing, versehen mit dem Text: „Vermisst – Einkaufswagen mit mehreren Tüten. Darin Kleidung, Schuhe. Für alle Hinweise bin ich dankbar. Der Inhalt dient dem Überleben. Zuletzt gesehen: S-Bahn Rummelsburg. Bitte melden unter der Telefonnummer 0176-48532440.“ Tatsächlich bekam ich einige Anrufe: Mein Wagen sei gefunden worden. Bei einer anderen Tour in der Buchberger Straße, eine eher unwirtliche Gegend, entdeckte ich an der Fassade des Berliner Rockhauses, ein ehemaliges Bürogebäude aus DDR-Zeiten, eine schäbige, zerschlissene Tüte aussen an einem Fenster hängend. Was mag sie beinhalten? Auch dieses Anti-Idyll lichtete ich ab, um ein weiteres Flugblatt anzufertigen, das ich in der Gegend um die Fundstelle aushing. „Gesucht – Tüte mit Wertsachen. Die Tüte selbst ist schon in die Jahre gekommen, hing an meinem Fenster in der Buchberger Straße (Berlin-Lichtenberg). Wahrscheinlich ist sie gestohlen worden. Darin war u.a. Bargeld. Bin für jeden Hinweis dankbar. Bitte melden unter der Telefonnummer 0176-48532440“, war darauf geschrieben. Wieder erreichten mich Anrufe: „Schau mal aus Deinem Fenster“, sagte einer. „Sonst nehme ich das Bargeld raus.“ Keine Anrufe erreichten mich hingegen bei der dritten Suchanzeige, die ich in der Gegend Frankfurter Allee, Ecke Schulze-Boysen-Straße aushing. „Gefunden – Braune Geldbörse aus Leder mit Bargeld und privaten Notizen hier ums Eck gefunden. Der Eigentümer möge sich unter der Telefonnummer 0176-48532440 melden.“ Auf dem Zettel war die Geldbörse abgebildet. Einige weitere Streifzüge durch den Bezirk hätten mich das Spiel mit dieser Art künstlerischer Interventionen noch an manch anderem Ort fortsetzen lassen können. Zurück an der malerischen Rummelsburger Bucht mit all den Gegensätzen zwischen moderner Wohnkultur, einfacher Hütten auf dem Wasser, auch Hausboote genannt, oder das in Wohnungen umwandelte Rummelsburger Gefängnis, 1877-79 als Arbeitslager entstanden, in der Zeit des Nationalsozialismus als Städtisches Arbeits- und Bewahrungshaus Berlin-Lichtenberg betrieben, in DDR-Zeiten als Haftanstalt (möchte man hier leben?), beschäftigte mich der grüne Zaun entlang des Wassers. Ein Biotop wird dort geschützt, der Lebensraum zahlreicher Tierarten an den Uferbereichen. „…jede Störung, wie z.B. Betreten, ist zu unterlassen. Zuwiderhandlungen werden ordnungsrechtlich verfolgt“, steht dort auf Schildern. Warum also nicht italienische Videoüberwachungs-Hinweisschilder an diesem Zaun anbringen, die mit ihrer gelb unterlegten schwarzen Kamera durchaus Signalwirkung entfalten. Hier also überwachen nun die Italiener. Ein absurdes Spiel, das Regelwerke menschlichen Miteinanders zum Thema macht. Berlin-Lichtenberg mit Stasi-Zentrale, dem asiatischen Großmarkt, dem Tierpark, den vielen Hochhäusern, manch unbehaglicher Ecke im grauen November mit seinem kurzen Licht zu erforschen, ist ein Unterfangen, das in drei Wochen höchstens rudimentär gelingen kann. Da wäre noch so viel, auf das man künstlerisch reagieren kann und sollte… Mitgebracht hatte ich etwas Niemandsland. Besser: ein mit dem Wort „Niemandsland“ bedrucktes rot-weißes Absperrband. Auf dem Weg zum Ring-Center fielen mir vier nahe beieinander stehende Bäume vor einem Hochhaus an der Frankfurter Allee, Ecke Gürtelstraße auf. Diesen Bereich erklärte ich zum Niemandsland und war erstaunt, dass es auch Tage später dort noch existierte. Eine Frage beschäftigt mich immer wieder: Was wäre, wenn Land niemandem gehören würde? Könnte man es noch erobern? Dabei geht es um Jean-Jacques Rousseaus Eigentumskritik: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‚Das ist mein‘ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ‚Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde keinem.“ Der Gegenstand betrifft die Frage nach Wohnraum wie nach kriegerischen Auseinandersetzungen gleichermaßen. Es geht um Ungleichheiten, um Konflikte. Heute ein rot-weißes Flatterband auf dem „Niemandsland“ steht um ein Gebiet zu spannen ist ein Eingriff in Eigentumsverhältnisse, zugleich eine Auseinandersetzung mit Rousseau, den existierenden gesellschaftlichen und politischen Ungleichheiten, auch mit den grausamen Kriegen der Gegenwart. Ich muss gestehen, ich habe den Bezirk auch mal verlassen: vor dem Café Moskau im Bezirk Mitte habe ich ebenfalls ein Niemandsland abgesteckt. Das dortige Niemandsland schlingt sich um ein Busstellenhäuschen. Lichtenberg mag es mir verzeihen, dass ich einmal untreu geworden bin.

März, 2025