Newton’s Archives of Time – Wärme und Licht
“How long is the moment? The moment is like the twinkling of the eye.“ (Talmud)
Unter dem Titel «Newton’s Archives of Time» verfolgen wir seit Jahren ein Langzeitprojekt, eine
Sammlung von Stillleben mit Szenen, Detailbeobachtungen und Experimenten zu Richtung, Dauer
und Geschwindigkeit der Zeit. Video ist dabei die Zeitmaschine, die es ermöglicht, Zeiterfahrungen
in ihren verschiedenen physikalischen, individuellen und sozialen Aspekten zu untersuchen:
subjektive Dauer, objektive Länge, Beschleunigung oder Verlangsamung.
Die Videobilder werden ausschließlich mit der Standkamera aufgenommen. Die Szenen entstammen dem Alltag. Sie zeigen symbolische Arrangements, Himmel und Landschaften, Tierbeobachtungen oder Arbeitssituationen in Echtzeit. In Motivwahl und Bildaufbau beziehen sie sich auf klassische Bildthemen der Malerei. Doch während die Malerei eine Art Ewigkeit repräsentiert, ist Video ein schnelllebiges Medium. Videobänder und Festplatten sind bereits nach wenigen Jahren veraltet und unbrauchbar.
Auf unseren ausgedehnten Spaziergängen durch das winterlich kalte Lichtenberg treffen wir
auf das Kraftwerk Klingenberg. In seinem Zentrum steht ein grandioses Industriedenkmal aus
den 1920er Jahren, ein Klinkerbau, der in seiner ganzen Größe den Fortschrittsglauben des 20.
Jarhunderts zum Ausdruck bringt. Von hier aus werden heute mehr als 300.000 Haushalte mit
Wärme und Strom versorgt. Wir wissen: Hier wollen wir unsere Serie der Stillleben fortsetzen,
in denen wir Menschen bei der Arbeit dokumentieren. Doch die Mühlen der Verwaltung mahlen
langsam, wir bekommen Zutritt zum weitläufigen Gelände und können Drehorte festlegen. Doch
die Zeit in den Lichtenberg Studios reicht nicht aus, um die Aufnahmen zu realisieren. Wir werden
das Projekt weiter verfolgen und sind zuversichtlich, im Frühjahr filmen zu können.
Die Auseinandersetzung mit dem Kraftwerk verändert auch den Blick auf die Stadt: Die visuellen
Spuren von Wärme und Licht rücken zunehmend in den Fokus. Wie das Netz einer riesigen
Spinne ziehen sich die Rohre der Fernwärme durch den Stadtteil. Natur und Technik treffen auf
Sprühbilder. Die tiefstehende Wintersonne blitzt in Durchblicken und Betonlücken auf. Nachts
bilden die Lichter der Wohnungen vertikale, sich langsam verändernde Strukturen, die mit den
Horizontalen der vorbeifahrenden S-Bahnen und Linienbusse einen geheimen Rhythmus einzugehen scheinen. Über den Betonskeletten verrottender und den glatten Oberflächen sanierter
Plattenbauten ziehen langsam Wolken ihre Bahnen und geben sparsam den Blick auf das fahle
Blau des Winterhimmels frei. Hinter all diesen Strukturen und Mustern verbirgt sich eine Technologie im Wandel. Wie werden wir in Zukunft Wärme und Licht für alle erzeugen und verteilen?


