Silke kleine Kavelage

Auf der Suche nach Wildnis in Lichtenberg.
Auf der Suche nach einem Weg zum Dreieckssee.

Erst folgte ich Hinweisen aus der Bevölkerung, dann einer Spur aus Sägemehl, sah Kohlenstaub aufwirbeln und oben schraubten sich zwei Walzen aus Dampf unaufhörlich in den Himmel. Einer den ich traf, ist Umweltschützer, er ist fasziniert vom Heizkraftwerk. Dort finde ich einen moosbewachsenen Stein. Ein kleines Naturschutzgebiet.
Die Peripherie reizt mich, und die Wildnis und Beides versucht sich zu entziehen. Um die Milchsterne zu pflücken bin ich zu spät. Dafür finde ich Ruhe hinter dem Tierpark und eine Feder. Doch der Trümmerberg gehört nicht mehr zu Lichtenberg. Auch gibt es einen Käfig für Hunde und Menschen, sie können dort unangeleint umher gehen. Maschendraht trennt die eine von der anderen Wildnis.
Das Jobcenter hat eine frisch gestrichene, blutrote Formsteinfassade, die man nur betrachten, aber nicht fotografieren darf. Im Inneren eines Hauses verbirgt ein Kupferraum sein Geheimnis und zerschossener Beton an anderer Stelle erinnert.

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Januar, 2017

Marit Wolters

Ich bin ein durchschnittlicher Mensch, ich denke in Schubladen, um mir das Leben einfacher zu machen. Es ist gar nicht so leicht Berlin Lichtenberg in eine der altbekannten Schieber zu stecken./
Mich fasziniert der Stadtteil, auch noch nach wochenlangen Erkundungstouren. Und das trotz Geschichtsverdrossenheit – kein Wunder wenn man als Kind die alten Nazigeschichten jedes Schuljahr aufs Neue durchkauen musste – Fakt um Fakt, Jahreszahl um Jahreszahl./
Und auch die DDR-Geschichte, die hier überall präsent und spürbar ist: die eigene Familie getrennt von der Mauer, nach der Vereinigung Stille, Streit erst als die Ersten sterben, es geht ums Erbe. Die DDR heute: Futter für Filmemacher; oder auch schon nicht mehr. Genauso Berlin./
Wer durch Lichtenberg geht, geht durch die Geschichte der gesamten Stadt, der Menschen hier. Die ersten Plattenbauten, Hoffnung auf industriellen Wohlstand und soziales Bauen. Scheitern.
Fliegerhallen, heute Strewergärten. Freiheit in der Parzelle./
Vorstadtidyll und Großstadtromantik. Neue Wohnungen in alten Gefängnissen ist in./
Genauso shoppen im asian-style und Kunst produzieren, wo früher die Führungselite der SED ihre Limousinen polieren ließ. Alles mischt sich und kriegt nicht genug vom Anderssein. Dazu passt nicht das Hochhausgebirge im Norden Lichtenbergs. Hier ist Berlin kurz einmal stecken geblieben in der Zeit, hängen geblieben an einem Moment wie an einem hervorstehenden Nagel beim Sturz aus dem Fenster im zehnten Stock- als könnte der Traum der Gleichheit aller Arbeiter doch ins Glück geführt haben.

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Januar, 2017