LichtenbergInsel

April, 2015

Aktuell

Veranstaltungen Lichtenberg Studios

Türrschmidtstr. 24

Mittwoch, 5. September um 19 Uhr

Ashok Vish
Ashok Vish ist im Rahmen des bangaloREsidency-Expanded Programms des Goethe-Institutes Bangaolore im August in den Lichtenberg Studios.

Vortrag, Diskussion zu seiner Arbeit.

THE FIRST DUTY…IS TO BE INCONSPICUOUS

I perceived parallels between photo and information sharing engaged in by gay men on online dating websites & apps as a means of identifying potential social and sexual contacts, and similar procedures utilized by the East German State Security Service—the Stasi—as a means of controlling, coercing, and oppressing queer individuals. What intrigues me the most is that both of them hinge on the creation of archives of sorts—collections of photographs, written records and even films used as handy references to identify individuals who possess or exhibit specific qualities. More than this, however, was the fact that the power of these two particular types of archives rests not on the active use of their content, but the threat suggested by the possession of these images or information, as a form of personal information.

Given their central role in the preservation of intellectual and cultural histories, we tend to think of archives as valuable resources for decoding and making sense of the past and situating current practices in an historical and cultural continuum. The two types of archives I investigate here, though, are less benign, given the uses to which they can be and have been put.

Creating fictional narratives has formed the bulk of my artistic practice; and with this work, I perform this process on two levels: I formulate a set of fictional characters and, in turn, develop fictional narratives of record-keeping and other related actions to illuminate the disquieting correspondences that link the official archive of the totalitarian state to the private archive of the „sexual outlaw.“ My work, the title of which comes from a previous citizen of East Germany, stating „The first duty of the citizen was to be inconspicuous“ uses individual photos and information files to analyze the need for discretion, for privacy in contemporary India—a situation that clearly mirrors life in the GDR under the Stasi as the East German government’s most visible and effective force of surveillance and repression—and at the same time, to examine the liberating potential of public disclosure as well, freeing the queer subject from the bonds of oppression and intimidation.

September, 2018

Gertrud Neuhaus

Wie es der Zufall so will, nehme ich als Lektüre einen Roman eines amerikanischen Schriftstellers mit, der außerdem einen Gedichtband mit dem Titel „Die Lichtenbergfiguren“ veröffentlicht hat (und dafür übrigens den Preis der Stadt Münster für internationale Poesie erhielt). Es geht um einen Kunststipendiaten, den der Verdacht quält, dass er eine ebensolche Fälschung ist wie seine nach dem Zufallsprinzip komponierten Gedichte. Ich lese „Abschied von Atocha“ am ersten Tag zu Ende.

Kurz vor der Dämmerung verlasse ich das Sofa und platziere mich auf einer Bank vor einem Hochhaus, schaue lange den Heimkehrenden zu. Je länger desto mehr Fenster erscheinen. Weißt du, wieviele Lichter? Ich zähle sie nicht, sondern sitze noch eine ganze Weile, unsichtbar im Dunkeln.

Die Lichtenberg-Figuren haben nichts mit Lichtenberg zu tun, sondern mit Lichtenberg, einem Pysiker, der sie am 4. Februar (dem Geburtstag von Ben Lerner) 1778 entdeckte.

Zwischen dem 18.12. 2015 und dem 3.1. 2016 kommt es in Lichtenberg zur Ausbildung von positiven und negativen Ladungen. Ich verschwende mich in jede Richtung, was sich durch einen Random Walk Prozess beschreiben lässt. Dies führt zu typischen charakteristischen Verästelungen und der Entstehung fraktaler Muster. Die Ladung breitet sich tatsächlich zufällig aus.

Lasse mich treiben, spaziere seelenruhig und unbeirrt durch Lichtenberg, schaue oben und unten. Kehre in Eckkneipen ein und trinke Bier in seltsamer Gesellschaft. Setze mich ein Stück in die Bahn. Wandere wieder über Stadt Land Fluss. Es ist alles da. Wunderschöne Landschaft, unterschiedlichste Wohngegenden. Viele kleine und schöne Gegebenheiten. Unzählige Geschichten und Bilder. Manches bleibt und alles wächst. Es gibt so viel zu sehen (und tausend Möglichkeiten, damit zu arbeiten). Aber ein künstlerischer Eingriff erübrigt sich, kommt mir geradezu lächerlich vor, bei der Fülle. Wirklich!

Während der Dämmerung halte ich mich gern inmitten der Plattenbauten auf und fühle mich geborgen zwischen all diesen hohen Häusern, als wäre ich umgeben von Bergen in einem Tal.

Manchmal folge ich verschiedenen Leuten –meist sind sie allein oder zu zweit und fast immer mit Einkaufstüten- auf all diesen Wegen und Trampelpfaden zwischen den Gebäuden, vorbei an Bepflanzungen und Spielplätzen. Ich fühle wie sie, als hätte ich ein Ziel; als ginge ich nach Haus.

Einmal, nachdem ich zunächst angenommen hatte, dass die Haustüren dieser riesigen Häuser immer geöffnet sind, schlüpfe ich mit einem Bewohner in ein 17-stöckiges Haus, fahre mit dem Aufzug ganz nach oben und genieße die Aussicht auf einem kleinen Balkon. Durch das Treppenhaus gehe ich Stock für Stock wieder runter. Halte inne und beschrifte meine Weihnachtskarten mit persönlichen, guten Wünschen und werfe sie schließlich in einige der vielen Briefkästen. In den nächsten Tagen bestücke ich wahllos noch viel mehr Briefkästen anderer Plattenbauten, aber es ist ein Fass ohne Boden; ein riesiger Schlund, in dem alles wie nichts verschwindet.

Zu Sylvester ist hier aber leider so gar nix los! Das hatten wir uns anders vorgestellt: Wir hatten uns viel Trubel, Böllerei und großartiges Feuerwerk gewünscht bei den Plattenbauten, wo doch so viele Menschen wohnen! Es ist aber n i e m a n d auf den Straßen zu sehen, Lichtenberg scheint ausgestorben. Erst nach langem Umherirren zwischen vielen Hochhäusern treffen Annette und ich an der Frankfurter Allee Richtung Friedrichshain auf Feiernde, denen wir unsere Glückskekse anbieten können, aus einem großen Korb. Es stecken Aphorismen drin, denn besonders dafür ist der Physiker Georg Christoph Lichtenberg heute bekannt. „Wohin mich mein Schicksal und mein Wagen führt.“ „ Er hatte seinen beiden Pantoffeln Namen gegeben.

  

Juni, 2018